Eine Hommage an die aussterbende Gattung: Der wahre Gentleman
Dem Rosenkavalier, der die Damen auf Händen trägt, scheint dasselbe Schicksal zu blühen wie einst dem Mammut oder dem letzten Mohikaner: Er stirbt langsam, aber sicher aus! Das waren noch Zeiten, als der Gentleman der Damenwelt jeden Wunsch von den Augen abzulesen vermochte.
Selbst auf der sinkenden Titanic bot er ihr mit den Worten „nach Ihnen die Dame“ den Vortritt ins rettende Boot. Da es sich bei der Spezies wahrer Gentleman um eine wirklich seltene Gattung handelt, ist es für die holde Weiblichkeit von ungeheurer Bedeutung, ihr Auge genauestens zu schulen, um im Falle einer Begegnung ein wahres Exemplar sofort zu erkennen und an sich binden zu können. Umgekehrt kann sich das Mannsvolk von heute ein Beispiel an dem Vorfahren nehmen und hoffen, dass tief im Inneren noch Gene von ihm schlummern mögen.
Einen wahren Gentleman erkennt man, beziehungsweise Frau, bereits an seiner selbstlosen Wesensart. Er geht stets an Madames linker Seite, um sie vor Ross, Wagen und aufmüpfigen Reitern zu schützen. Gilt es eine Treppe zu besteigen, so lässt der Mann von Welt seine Begleitung voran klettern. Geht es aber um den Abstieg, schreitet er zuerst die Stiegen hinunter. Rutscht die zierliche Dame nämlich aus, landet sie in beiden Fällen in den starken Armen ihres Retters. Eine Ausnahme bilden Wendeltreppen – hier geht immer der Mann voraus. Man weiss schliesslich nie wer spätabends in solch einer Wendeltreppe um die Treppe gewendelt kommt und so wiegt sich der Kavalier in Sicherheit, mit dem Degen in seiner Rechten mutig voranzuschreiten.
Sein unverkennbares Verhalten legt der Gentleman jedoch erst an den Tag, wenn es zum typischen Paarungsverhalten kommt: Im Schmeicheln und Umgarnen gilt er als ehrfürchtiger Meister seines Faches. So zeigt sich das Weibchen als entzückt, wenn ihm im Restaurant aus dem Mantel geholfen oder die Autotür aufgehalten wird. Seltener wird beobachtet, dass er ihr in einem Gasthaus den Stuhl zurechtrückt oder gar die Rechnung übernimmt. Rüpelhaftes Verhalten und schlechte Tischsitten hingegen erschrecken das Fräulein und verjagen es wie ein Jäger das scheue Reh.
Die hohe Schule des Lebens macht auch vor den Toren der Arbeitswelt keinen Halt. Doch das Gentleman – Dasein muss von der Picke auf gelernt sein: Macht der Anstand Kopfstand – wird nichts aus Wohlstand! Will er es richtig machen, erscheint der Jüngling auch heute noch überpünktlich zum Vorstellungsgespräch. Dass der junge Monsieur die passende Kleidung mit passender Krawatte und passendem Schuhwerk montiert, versteht sich von alleine.
Das Handy, der treueste Freund „prêt a parler“ eines Jeden Heranwachsenden, das sich auch im Gespräch keinesfalls scheut, zwischendurch zu klingel oder geräuschvoll auf den Erhalt einer Textnachricht hinzuweisen, bleibt, zum Ärger der Jugend, bitte draussen. Bietet der künftige Patron dem Aspiranten höflich ein Glas Wasser, so unterlasse dieser es tunlichst, nach einem Red Bull mit Eis zu verlangen, wie manch ein fälschlich geglaubter Nachkomme des wahren Gentlemans es heute zu tun pflegt.
Eure Michèle





